23.08.14
Endlich ist wieder etwas Strom da, wenn auch mit dem Geräusch des dieselenden
Generators verbunden. Nachts gingen weder Licht noch Ventilator, mein
Kopfkissen ist völlig durchschwitzt und ich kann nicht behaupten, dass der
Schlaf bei 35° und in einem kleinen Zimmer besonders erfrischend ist. Jetzt
sitze ich wieder unter der Windmaschine, ein Windzug wie hinter einer
Düsenturbine und auch vom Geräusch her vergleichbar. Aber angenehm, wie der
Wind die ohnehin feuchte Haut kühlt. Heute Morgen künden zwei Blutflecken auf
meinem Bettlaken von gnadenlosen Kämpfen mit irgendwelchen Insekten – wenn ich
meinen Knöchel betrachte, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, wer den Sieg
dieses nächtlichen Scharmützels davon getragen hat. Richtige Mücken habe ich
hier eigentlich noch nicht gesehen, nur die ganz kleinen und etwas größere,
etwa 1 cm lange mottenähnliche Tierchen, deren besonders negativer Charakterzug
darin besteht, Blut zu saugen.
Fehlanzeige, während ich hier sitze, ist der Strom trotz Generators wieder weg.
Gut, dass unsere Kommunikationsmittel mittlerweile über Akkus laufen. Wie uns
Joseph, der Hausbedienstete sagt, ist der Diesel alle und muss erst noch
beschafft werden. Ich fahre mit Adeline, dem Hausmädchen, zur Tankstelle.
Bei der Durchsicht meiner Berichte der letzten Tage ist mir doch etwas
eingefallen, was von Nicht-Informierten falsch verstanden werden könnte: Ich
rede immer von Häusern und Gebäuden, wenn ich von unserem Grundstück rede.
Vermutlich liegt das daran, dass ich ein wenig den Maßstab verloren habe, wenn
ich davon rede. Nur ein Gebäude im klassischen Sinne wird es jemals auf unserem Grundstück
geben: Das ist die Dispensère. Wir werden sie in Stein bauen und die
Behandlungsräume und das Labor werden mit Keramik ausgestattet – aus
hygienischen Gründen. Selbst die kleine Dispensère um die Ecke war so
ausgestattet. Unsere Häuser, also die des Verwalters, der Kindergärtnerin und
die Unterbringung für Gäste wird weitaus weniger komfortabel sein: Der
Unterschied zu den regionstypischen Hütten wird sich auf die Biotoilette
beschränken – womit wir wiederum eine Anregung zu den ortsüblichen Praktiken
der Beendigung des Stoffwechselprozesses geben wollen. Waschen, Duschen,
Kochen, all das wird sich nicht in den Hütten, sondern außerhalb abspielen,
unter der Weite des Himmels. Es sind kleine „Einraumwohnungen“, allerdings haben wir schon vor, die Toilette
mit mehr als nur einem halbhohen Vorhang abzutrennen!
Für die Einrichtung sind die beiden „Offiziellen“ selbst zuständig, die
Einrichtung der Hütten für Gäste wird sich auf ein großes Bett, zwei Stühle und
einen Tisch beschränken. Und eine Stange für die Kleider. Der größte
Unterschied wird hoffentlich in der Sauberkeit bestehen, aber dafür sind
natürlich primär die Bewohner zuständig.
Nun hat uns schon wieder der Stau von Port-au-Prince. Wir treffen uns mit dem
Patenschaftskomite und heute Nachmittag wollen wir in den Baumärkten „shoppen
gehen“. Falls wir uns im Laufe des Tages noch einmal vorwärtsbewegen.
Wieder bei Familie Laplanche.
Eigentlich bin ich ja geradezu ein Fan von Baumärkten: Zu gerne betrete ich
diese testosterongeschwängerten Hobbytempel, und je weniger Hobby, desto
besser. Aber heute war es doch ein bisschen viel: Zwar hatte ich während der
Woche schon eine ganze Menge gesehen, was uns die Auswahl auch durchaus
erleichterte, aber wiederum alle Märkte aufzusuchen und dazu noch ein paar
mehr, das war heftig. Aber welcher große Junge (ich meine echte Jungs) möchte
nicht einmal in einem Baumarkt für eine kurze Zeit eingeschlossen sein? Aber
die Zeitspanne, in der uns ein Tropenregen im letzten Baumarkt unserer Runde
festgehalten hat, die war dann doch zu üppig. Mit wasserscheu hatte es denn
auch gar nichts zu tun, dass keiner der Kunden versuchte, durch die Wasserfront
zu seinem Auto zu gelangen. Von dem Riesendach der Halle stürzte das Wasser in
Kaskaden über Vordächer auf Motorhauben herunter, die in Norwegen durchaus
Namen bekommen hätten wie die „Sieben Schwestern“, nur dass diese hier noch
etwas Zuwachs hatten. Das Naturschauspiel, unüblich für die Saison, dauerte
sicherlich 45 Minuten, die ich dazu nutzte, mir alle möglichen Werkzeuge,
Pumpen, Generatoren und Solarbauteile ohne den sonst üblichen Zeitdruck
anzuschauen; Roswitha und die Ingenieure G&G saßen auf leeren Kabelrollen
und einer Ameise (Unkundigen sei an dieser Stelle erklärt, dass es sich hierbei
nicht um einen Akt der Tierquälerei handelt, Ameisen werden vielmehr die
handbetriebenen Wagen genannt, mit denen man Paletten transportieren kann.) und
planten die nächsten Aktionen. Da das Ganze mal wieder in Kreol erfolgte, sah
ich mich nicht verpflichtet, dem Gespräch zuzuhören. Auch wenn ich mittlerweile
soweit bin, wenigstens das Thema zu begreifen. Manchmal.
Vorher waren wir noch bei der Sogebank, und es ist kein Wunder, wenn sich mir
beim Schreiben dieses Namens die Nackenhaare kräuseln. Als wir auf den
Parkplatz fuhren, kam der Wachmann zu unserem Auto und schimpfte, dass das eine
Ausfahrt sei und keine Einfahrt, wir sollten gefälligst umkehren. Woran man
denn erkenne, dass das eine Ausfahrt und keine Einfahrt sei, es stehe ja kein
Schild dort. Das tue nichts zu Sache, wir sollten gefälligst umkehren und die
Einfahrt nehmen. In Ordnung, ob wir uns denn dann wieder auf diesen Platz
stellen könnten (ich hätte ja gefragt, ob er uns diesen Platz solange
freihalten könne, aber ich bin ja des Kreol nicht mächtig, manchmal ist das ein
echtes Glück, denn die Wachleute tragen immer Pumpguns, was ihnen auch ein
gewisses Selbstvertrauen zu verleihen scheint). Natürlich, das sei möglich. Ob
wir dann der Einfachheit halber nicht hier stehen bleiben könnten? - - - Diese
Möglichkeit schien ihm völlig neu und unbekannt, mürrisch und eine weitere
kafkaeske Erwiderung schuldig bleibend wies er uns mit nachlässiger
Handbewegung den Weg. Nicht ohne uns allerdings kurze Zeit später aufzufordern,
einen Autoschalter weiträumiger zu umgehen, als wir es zu tun vorhatten. Aber
das war ja erst noch vor der Bank!
In der Bank der typische Ärger. Wir kamen zwar sofort an die Reihe, doch nur
Roswitha durfte zum Schalter vor, Guerino und ich wurden in eine Wartezone
verband. Das Bankgeschäft schien sich dem Ende zuzuneigen, ich fuhr schon mal
den Wagen vor, Harry, doch in der Warteschleife vor der Bank vergingen die
Minuten und Minuten und Minuten. Nachdem Guerino gegangen war, vergingen sie
weiterhin, ohne dass sich etwas tat. Vor allem Guerino kam nicht wieder.
Zwischendurch kam Rachelle vorbei, setzte sich einen Moment in den Wagen und
ging dann schauen, wo die beiden blieben. Auch sie kam nicht wieder. Nur die
besagten Minuten. Irgendwie kam mir in den Sinn, dass ich jetzt auch noch den
Papstbesuch abwarten könnte, denn ich vermutete, dass auch er diese Straße
nehmen würde. Vielleicht lag das aber auch an meinem geistigen Zustand, denn
ich saß nun schon etwa 45 Minuten in einem geschlossenen Wagen in der Sonne.
Die Klimaanlage funktioniert nur bei laufendem Motor, das war mir jetzt aber auch
egal, und so wartete ich mit laufendem Motor vor einer Bank und wartete darauf,
dass meine Freunde mit einem Batzen Geld herauskämen...
In der Bank war Folgendes passiert (ich hoffe, ich krieg's zusammen, ich war ja
nicht dabei und was ein Banker als normal empfindet, muss ja nicht unbedingt in
meine Denkschemata passen): Die Kassiererin wollte schon fast das Geld
herausgeben, als sie bemerkte, dass ja gar nicht so viel Geld auf dem Konto
war. Daraufhin fiel Roswitha ein, dass sie von Zuhause das ganze Geld auf ein
anderes Konto der Haiti-Kinderhilfe verschoben hatte, damit ich durch Rachelle
und Laumenaire daran käme. Ob sie das Geld nicht auf das Konto zurückschieben
könnte – eigentlich kein Problem, aber dafür müsse sie einen Scheck benutzen,
und das habe sie ja gerade bei der (nicht zu Stande gekommenen) Abbuchung
getan. Und mehr als ein Scheck am Tag geht nicht. Aber sie könne zu einer
anderen Filiale fahren, dort dürfe sie wieder einen Scheck verwenden.
Roswitha hat dann einfach Dollar in Gourdes getauscht, das ging wohl ohne
Scheck, und das restliche Geld wird sie dann wohl Montag holen. Ich weiß es
auch nicht so genau, traue mich aber nicht, sie auf das Thema anzusprechen. Jedenfalls haben wir uns anschließend bei
unserer Baumarkt-tour-de force nicht nur über einige Problemlösungen einigen
und den Ingenieuren das Material zeigen können, was wir für qualitativ
angemessen empfinden (wir stellen uns für unser Projekt schon eine Lebensdauer
vor, die das nächste Jahrzehnt noch tangiert!), wir haben auch einen Generator
gekauft, 10 Dieselkanister aus dem guten, alten Metall, Sicherheitskleidung
(orangefarbener Helm und rote Weste) für die Vorarbeiter – eine Frage der
Ehrfurcht, Anerkennung und Autorität! - sowie eine Betonmischmaschine mit
Dieselantrieb. Letztere wird uns Guivens nach Beendigung der Baumaßnahmen
abkaufen. Das ist für uns auch die Gewähr, dass die Maschine die Bauzeit
übersteht...
In einem kleinen Restaurant am Flughafen haben wir dann den offiziellen Teil
des Tages mit einem ewig langen Planungsgespräch beendet – nochmals und
nochmals mussten wir Dinge erklären, die ich schon seit fast 14 Tagen zu
vermitteln versuche und die Roswitha ebenfalls die vergangene Woche erklärte.
Zu einigen Dingen werde ich noch Zeichnungen schicken, vielleicht baue ich ja
auch alles in unserem Garten vor und mache Fotos? Oder Filmchen à la youtube?
Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Zwischendurch berichtete uns Guivens, dass er bereits die ersten 4 von 30
Palmen gekauft habe, die zum Bau eines Holzhauses notwendig seien, sie würden
jetzt in Bretter zerlegt. Gut dass wir für jeden gefällten Baum mindestens
einen neuen pflanzen, und gut auch, dass wir dafür nicht nur Palmen nehmen,
sonst würden auf unserem Grundstück bald monokulturelle Zustände herrschen.
Einen guten Zimmermann für Fensterläden, Türen und so weiter habe er auch. Es
ist derselbe, der seit Ostern 2013 die Lehrermöbel für Billiguy noch immer
nicht geliefert hat. Dann ist jetzt aber eine baldige Bestellung angeraten!
Aber Türen werden ohnehin überschätzt – vor allem Toilettentüren, das weiß ich
noch vom Hotel in Maissade!
Andreas