Samstag, 7. März 2015

Freitag 6.3.2015

Pünktlich zum Feierabend um 16.00 Uhr versammelten sich sämtliche Schülerinnen und Schüler von Petionville und begleiteten eine Schul-Auswahlmannschaft durch die Straßen zum Stadion um gegen eine Schulmannschaft aus Port-au-Prince ein Fußballmatch auszutragen. Der Verkehr kam für geraume Zeit zum Erliegen.
Der Ärger der Verkehrsteilnehmer gegen die pure Lebensfreude der Schüler.
Viel war heute auf unserer Liste und viel haben wir erledigen können. Selbst die "petite minute" auf dem Immigrationsbüro dauerte heute wirklich nur eine gute halbe Stunde. Die Fahrzeiten sind der größte Posten in unserem Zeitmanagement. Eigentlich steht man dauernd, vom ersten in den zweiten Gang muss man selten schalten und den dritten könnte man praktisch ganz abschaffen. Die Kupplung ist in Dauerbetrieb. Wer noch nie am Verkehrsgeschehen in Port-au-Prince teilgenommen hat, kann es sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, wie es zugeht. Seit letztem Jahr hat es sich meiner Meinung nach nochmals verschlimmert. Parkplatzsuche gestaltet sich seit neuestem schwierig, am besten platziert man sich auf einem Hotelparkplatz läuft schnell weg, bevor der Wachmann reagieren kann. Am frühen Abend packten wir noch unser Auto mit all den Dingen, die an verschiedenen Orten eingelagert waren und morgen nach Banguage transportiert werden sollen. Es dauerte lange, bis alles seinen Platz hatte. Foto gibt es morgen, da wir erst bei totaler Dunkelheit fertig wurden.
Morgen früh um 5.00 Uhr geht es los Richtung Plateau Central und wir freuen uns auf frische Luft und Schlafen unter freiem Himmel- größte Sorge: Hoffentlich wartet die Regenzeit noch ein paar Tage, bis wir wieder weg sind....
Grüße
Conny Rébert-Graumann



Freitag, 6. März 2015

heute schlecht drauf...

Eisenkünstler bei der Arbeit
Nur noch eine Nacht dann endlich fahren wir zum Plateau und können dort hoffentlch unser Schlafdefizit ausgleichen.
Mich nervt hier in Port-au-Prince praktisch alles. Der Verkehr ist grauenvoll, die Straßen jeden Tag verstopft, die Dunstglocke, die über der Stadt hängt und Atembeschwerden verursacht. Abends läuft beim Duschen eine Dreckbrühe am Körper und von den Haaren herunter, dass man meint zur Schornsteinfeger-Zunft zu gehören.
Gestern morgen sass eine junge Frau mit Sack und Pack und einigen Tagen altem Säugling direkt an der Strasse auf der Erde wo sie ihr Baby stillte. Dieses Kind, was hat das für eine Zukunft, nur Dreck und Missachtung, schon als kaum 2000 Gramm schweres Bündel eine schier unerträgliche Last?
Kurzes Stück weiter in einem kleinen Park ebenfalls eine junge Frau, die ihr Lager auf einer Mauer aufgeschlagen hatte und den Anschein erweckte, dass sie dort auf den 1,5 qm ihr Zuhause hat. Welchen Angriffen ist sie wohl jeden Tag und jede Nacht ausgesetzt?
Wir kommen hierher um die "Welt zu retten" und können doch nur so wenig tun für ein paar wenige für eine kurze Zeit. Was passiert mit den Kindern, wenn sie unsere Schule und das kleine Lebens-Wegstück "Unbeschwertheit" verlassen müssen nach sechs oder neun Jahren? Welche Zukunft erwartet sie?  Der größte Teil der armen Haitianer, selbst ausgebildetete hat keine Arbeit, schlägt sich von Tag zu Tag durch und kommt niemals auf einen grünen Zweig. Wenn einer dann doch mal eine Arbeit ergattert, wird er ausgebeutet in seiner Abhängigkeit.
schöne Objekte trotz schlechter Arbeitsbedingungen

 
Gestern, die beiden jungen Elektriker sind auch ein Beispiel dafür. Sie sind bald mit ihrer Ausbildung fertig und wohl auch sehr gute Solartechniker geworden. Aber wo bekommen sie eine Arbeit? Was nutzt es ihnen eine tolle Ausbildung zu haben, nach unseren Standards Solaranlagen bauen zu können, wenn  es keine Arbeitgeber gibt. Solarstrom wäre hier sicher ein richtig gutes Geschäft.. Aber dann kommt wieder diese wahnwitzige Bürokratie ins Spiel- wer will sich das antun? Ein Kreislauf, aus dem es kaum Entrinnen gibt.
Ich war jetzt schon viele Male hier in Haiti und muss mich immer wieder dazu zwingen, das Elend anzusehen, weil mal selbst sensibilisiert dafür mit der Zeit "betriebsblind" wird. Vieles mag ich einfach nicht mehr sehen, weil ich schon vor 20 Jahren das gleiche anschauen musste. Es wird hier wieder in tolle Straßenbau-Projekte investiert aber die Menschen bleiben nach wie vor auf der Strecke.

Ich bin heute vielleicht nur unausgeschlafen, vom Generator und Vollmond geplagt, unausstehlich....... Sorry für meine miese Laune. Liebe Grüße
Conny

Donnerstag 5.3.


Großes Holzlager
Erst zwei Tage sind wir hier in Haiti und unsere Ankunft kommt mir schon vor, als wäre sie Wochen her. Morgens wollten wir noch einen Versuch beim Immigrations-Büro wagen und siehe da, wieder sollten wir einen „petit moment“ warten, der dieses Mal aber nur 1,5 Stunden dauerte. Unser Fall ist nun fast abgeschlossen, so dass wir morgen nur noch einmal vorbei müssen um den Reisepass einzuscannen. Sollte es dann wieder „petite minute oder petit moment“ heißen sind wir schon vorgewarnt.
Bei der Bank hatten wir wenigstens 100 % Erfolg und konnten unser Konto wieder freischalten lassen. Die nächste Verabredung war um 10.30 Uhr was wir aber nicht schafften, erst um 12.00 Uhr kamen wir beim Baumarkt an und bekamen leider nicht das benötigte Material- alles ausverkauft. Beim nächsten Baumarkt ähnliche Auskunft. Endlich im dritten Markt wurden wir fündig und kauften unser Material ein. Dann das für uns Laien schwierige Unterfangen des Holzkaufes für Fensterläden, Türen, Stühle und Tische für den Kindergarten. Da alles Mobiliar angefertigt wird (wie einfach es ist bei uns in Deutschland einen Katalog der etwa 50 Kindergartenausrüster aufzuschlagen und zu bestellen, was das Herz begehrt) aber der Kunde sich um Holz, Schrauben und Zubehör selber kümmern muss, drängt die Zeit. Die Eröffnung des Kindergartens ist für kommenden Oktober geplant. Wir fuhren in einen Großmarkt für Holz, wo man allerdings ganze Gebinde mit etwa 120 Brettern abnehmen muss. Die mangelnde Kompetenz der angeblichen Fachleute wurde mit großer Freundlichkeit wett gemacht. Es wurden immer mehr und endlich auch wirkliche Fachleute herangezogen und schließlich hatten wir unser Holz. Den Service, die Kanthölzer für Stuhl- und Tischbeine zuzusägen bekommen wir kostenlos, weil es für ein soziales Projekt ist. Zu unserem Solar-Termin kamen wir zu spät, wurden aber trotzdem freundlich begrüßt von Herrn Olfs, dem deutschen Entwicklungshelfer, der als Berufsschullehrer bei den „kleinen Brüdern und Schwestern“ arbeitet, und seinen beiden Schülern Wilson und Maradonna. Herr Olfs bildet Solartechniker aus, die um Praxis-Erfahrung zu bekommen sehr gerne Aufträge annehmen. Wir möchten von den jungen Leuten die Solaranlage für unser Projekt kaufen, installieren und warten lassen. Der Auftrag wurde erteilt und über die Ausführung diskutiert. Als wir um halb acht abends Richtung Montagne Noire fuhren, hatten wir seit morgens um fünf Uhr jeder nur eine Banane und eine Mango gegessen. Müde und verdreckt machten wir uns noch der Küche zu schaffen und sind bei Salat, Brathähnchen aus dem Supermarkt und haitianischen Ketchup fast eingeschlafen, hätten uns die Voodoo-Trommeln in der Nachbarschaft nicht wach gehalten. Schnell duschen und nur noch ins Bett, mehr wünsche ich mir heute nicht mehr, deshalb auch keine großartigen Ausführungen. Morgen vielleicht ein wenig mehr…… 
Conny

Donnerstag, 5. März 2015

Mittwoch 4.3.2015


Händlerinnen an der Straße
Heute war hoffentlich der einzige Tag, der so unbefriedigend zu Ende ging.
Morgens mussten wir ca. 30 Min in der Schlange warten um überhaupt in die Bank zu kommen. Anschließend in der Bank wartete ich nochmals 30 Min um einen zerrissenen 1000-Gourdes-Geldschein zu wechseln. Roswitha musste ebenfalls lange warten bis sie an der Reihe war. Im Dezember hatten wir acht vermeintlich gestohlene Schecks sperren lassen. Nur teilte uns die Bank damals nicht mit, dass sie nicht nur die Schecks sperrt sondern das ganze Konto lahm legt. Heute wollten wir die ausstehenden Kontoauszüge seit Oktober abholen sowie das Konto wieder entsperren lassen. Das sollte aber nicht so einfach sein. Erst wenn eine Einverständniserklärung abgegeben werde, könne das Konto reaktiviert werden. Wir hätten aber die Möglichkeit das Geld bar abzuheben bzw. ein neues Konto zu eröffnen. Das benötigte Bargeld um Baumaßnahmen, Material, Lehrergehälter für etliche Monate zu bezahlen beläuft sich auf mehrere Tausend USD. Damit auf die Straße zu gehen wäre mehr als unverantwortlich, das wäre sogar lebensgefährlich. Ein neues Konto zu eröffnen und Scheckhefte zu bestellen würde auch wieder mehrere Wochen dauern. Auch keine gute Idee. Wir wollten uns beraten, wie wir vorgehen könnten, da der nächste Termin auf dem Immigrations-Amt um 10.00 Uhr war, hatten wir es auch noch eilig und wollten am Nachmittag wieder bei der Bank vorbei kommen. Auf dem Immigrations-Amt mussten wir uns platzieren für eine „petite minute“, aus der dann 2,5 Stunden wurden in denen wir vollkommen vergessen der Dinge harrten. Keiner fühlte sich mehr für uns zuständig und ab 12 Uhr schon war auch mit dem Handy niemand mehr zu erreichen. Um halb ein Uhr verließen wir total entnervt das Amt. Ich fühlte mich um 20 Jahre zurück versetzt als ich mit meinen zwei KIndern im Schlepptau täglich dort auf deren Pässe wartete und immer wieder auf den nächsten Tag vertröstet wurde. Dabei sind jede Menge dort Beschäftige anwesend. Jedoch nur der kleinste Teil arbeitet tatsächlich. Dieser wahnsinnige Puffer an Bürokratie verhindert sicher auch eine Besserung der Verhältnisse in Haiti. Welcher Investor hat schon Lust sich solcher Behörden- Willkür und Unsicherheit auszusetzen. Aber auch in der Bank konnte ich die Tendenz feststellen, drei von 10 Schaltern besetzt aber jede Menge Personal im Schalterraum nur abwartend rumstehen, auf Kosten der Stunden lang wartenden Menschen, die wahrscheinlich für jeden Bankbesuch einen Urlaubstag nehmen müssen.

Beim Warten vor der Bank kamen wir mit zwei „marchandes“ ins Gespräch. Die beiden Frauen betreiben einen Obst-Gemüse-Wagen direkt an der Straße. Diese kleinen Karren sind seit einigen Monaten in Petionville in Betrieb. Von der Stadt zum Kauf angeboten kosten sie etwa 2000 USD oder jede Woche eine Miete von 1000 Gourdes was etwa 25 USD entspricht. In einem Land, in dem viele Menschen nicht mal einen Dollar pro Tag verdienen ist dies ein stolzer Mietpreis. 
Nachmittags trafen wir uns mit den Ingenieuren unseres Projektes um das weitere Vorgehen zu besprechen.
Auf dem Rückweg zum Montagne Noire holten wir noch einige der deponierten Kisten bei Fam. Laplanche ab und erfuhren dort von der Tochter des Hauses, dass in einem Krankenhaus in Cité Soleil, in dem deren Ehemann als Arzt tätig ist, die Chimären ( Schergen des ehemaligen Präsidenten Aristide) dort immer noch ihr Unwesen treiben und die Ärzte und Angestellten an ihrer Arbeit hindern, wenn diese sich nicht an Schutzgeldzahlungen beteiligen sollten. Die Ärzte verzichten diesen Monat auf ihr Gehalt um der unglaublichen Forderung nachzugeben. Sich an die Polizei zu wenden hat wohl überhaupt keinen Sinn. Alle haben Angst, dass womöglich noch Schlimmeres passiert und die Patienten im schlimmsten Slum der Stadt hätten dann womöglich gar keine Anlaufstelle mehr.

Für morgen sind Manifestationen angesagt, einer der Demonstrationszüge soll sich ab 9.00 Uhr von der Stadt hinauf nach Petionville bewegen. Wir müssen morgen wieder runter und hoffen sehr, dass wir am Abend den Termin mit dem Solarplaner ohne Probleme wahrnehmen können. Unser Terminplan ist inzwischen total über den Haufen geworfen. Heute haben wir etwa 0,0% unserer für heute geplanten Vorhaben erfolgreich zu Ende gebracht. Frust….....

Cornelia Rébert-Graumann

Mittwoch, 4. März 2015

Haiti März 2015


Am Sonntag sortierten und kontrollierten wir, suchten entsprechende Koffer und Taschen um möglichst viel der gespendeten Spielsachen mit zu bekommen. Die Fluglinie unterstütze uns dieses Mal wieder indem wir jeweils ein zusätzliches Freigepäck einzuchecken durften. Am Ende waren alle Koffer und Kisten voll, die Waage zum kontrollieren kaputt, und wir in der Ungewissheit ob wohl alles seine Richtigkeit beim Gewicht hat. 
Am Montagmorgen fuhr uns Richard zum Flughafen, wir brachten unsere Massen von Gepäck zum Schalter. Der Angestellte der Fluglinie teilte uns schon gleich mit, dass wegen Schneesturm in New York der Abflug auf jeden Fall zwei Stunden später erfolgen würde. Zu unserem Gepäck meinte er nur, wenn man schon Freigepäck bekäme, sollte man wenigstens die Gewichtgrenze beachten. Wir drückten uns dann Stunden am Flughafen rum und warteten auf unseren Flug. Endlich mit über zwei Stunden Verspätung ging es in die Luft. Bei 5 Grad minus in New York nach acht Stunden Flug wieder runter. Der Weiterflug nach einer kurzen Nacht in einem anonymen Hotel in Flughafennähe war angenehm und wegen extremem Rückenwind eine Stunde kürzer als gewohnt. Unsere Gepäckstücke waren so gut mit Kabelbindern verschlossen, dass der haitianische Zollbeamte
ca. 150 kg Gepäck
kapitulierte und uns nach Durchleuchten der Koffer durchwinkte. Aus dem Flughafengebäude raus und eine Temperaturdifferenz von ca. 40 °C gegenüber dem Abflug in New York warf uns fast um. Der freundliche Fahrer von BND erwartete uns schon mit Rob Padbergs Auto und brachte uns zu unserem Auto. Das Verstauen der Gepäckstücke stellte sich als recht schwierig heraus. Aber selbst die Einkäufe brachten wir dann noch unter und können nun hier oben am Montagne Noire bei unseren Gastgebern Fam. von Boetticher unser wohlverdientes Bier trinken, bevor wir in ein paar Minuten ins Bett fallen werden. Für Donnerstag und Samstag sind Manifestationen gegen Martelly und für eine Senkung der Benzinpreise angesagt, ab Montag soll es im ganzen Land Streiks geben. Wir werden morgen so viel als möglich erledigen, Bankgeschäfte, Solarfirma, Rechtsanwalt um am Donnerstag möglichst nicht ganz in die Stadt hinunter zu müssen. Am Freitag fahren wir zum Plateau Central und hoffen, dass es dort politisch ruhiger sein wird. Mein Eindruck nach einem guten Jahr: Straßen wurden gebaut, andere, ehemals gut ausgebaute Straßen verdienen den Namen „Straße“ nicht mehr. Die Menschen werden immer mehr, die Autos werden immer mehr, die Müllberge abseits der Hauptverkehrsadern sind wie eh und je groß und stinkend Futterstellen für streunende Schweine, Ziegen und Hunde. Die an jeder Kreuzung oder Ampel wartenden Fensterputzer werden immer jünger und ihre Anzahl steigt stetig. Jeder scheint bemüht ein paar Gourdes zu verdienen um einen Teil zum Familieneinkommen beizutragen. Ich glaube, dass das Land immer mehr verarmt und kann hier in der Hauptstadt kaum Besserung erkennen. Derweil sind die Preise im gut besuchten Supermarkt in Petionville auf deutschem Niveau und höher. Ein Liter H-Milch kostet ca 2,40 Euro. Milch, Kaffee, Wasser, ein wenig Obst, ein Päckchen Spaghetti, je eine kleine Flasche Öl und Essig, ein paar Rollen Klopapier und vier Bier kostete uns über 60 USD. Dieser Unterschied, auf der einen Seite die Ärmsten mit weniger als 1 USD am Tag und auf der anderen Seite, die, die keine Probleme haben obige Preise zu bezahlen.

Ich möchte einfach nur weg hier aus der Hauptstadt und  freue mich auf die Reise zum Plateau Central, wo es weniger erbärmlich ist. Die Menschen zwar noch ärmer aber ein wenig mehr im Einklang mit der Natur sind.
Cornelia Rébert-Graumann