Samstag, 30. März 2013

Letzte Tage in Haiti



Sicht auf PaP
Das schräge Grundstück
15 Liter pro Kopf


Die Dorfgemeinschaft ist immer dabei

Unsere letzten beiden Tage, der Dienstag und der Mittwoch, waren von noch größerer Hektik und Aktionismus geprägt als vorher die Tage! Roswitha wollte möglichst viel mit uns anschauen und regeln, für die letzte Woche bleibt ihr ohnehin noch genug zu tun.
Da wir aber alle noch die Fahrt nach Thiotte in den Knochen hatten, beschlossen wir, den Dienstag nicht wieder um 06:00 beginnen zu lassen.
Heute sollten 10:00 Uhr reichen. Wieder einmal führt uns der Weg zur Henfrasa, die Suche nach einem Grundstück wollen wir noch ausdehnen, so dass Roswitha die Eltern unserer Patenkinder in PaP, die draußen auf dem Land Verwandte und Familie haben, eingeladen hat, um sie (mit Aussicht auf eine Prämie bei Vertragsabschluss) auch in die Suche nach einem Grundstück einzubinden. Die Eltern sind Feuer und Flamme, sicher sind einige Vorschläge zu erwarten.
Mittlerweile haben wir aber auch von anderen Seiten noch Tipps bekommen, so dass wir unter Anwesenheit von Guivens anschließend wieder Richtung Nord-West fahren, weil in der Ebene hinter Cabaret zwei Grundstücke zum Verkauf stehen.
Um es kurz zu machen: Eines davon ist fast nur Hang, wie ein halber Kegel zwischen zwei Flusstälern völlig ohne Wasser, das allerdings wird sich nach den ersten Regenfällen wohl grundlegend ändern, so dass sich Jahr um Jahr die Grundstücksgröße verkleinern wird. Nur stacheliges, trockenes Kraut. Zudem steht auf der einzigen geraden Fläche bereits ein (sehr provisorisches) Gebäude, das als Gottesdienstraum genutzt wird. Schwierig, daran tasten zu wollen!
Das zweite Grundstück begeistert mich zunächst eigentlich, denn es sind etwa 15000 m² Ackerland, nahezu steinfrei und bereits kultiviert. Allerdings ist davon nur maximal ein Drittel verkäuflich, der Rest der uns angebotenen 2 Careau ist wieder unbearbeitbar, Kakteen geben uns Hinweise auf den zu erwartenden Wasserhaushalt, zudem gibt es für das ganze Grundstück auch keinen Straßenanschluss. Er ist auch nicht einzurichten! Das Grundstück ist also – selbst während der Bauphase – nur mit Eseln oder halt zu Fuß zu erreichen und zu beliefern (mindestens 800 Meter).
Beide Grundstücke liegen nordöstlich der Straße zwischen Cabaret und San Marc, dort, wo garantiert auch keine Brunnenbohrung Sinn hat. Südöstlich der Straße, also da, wo Bellanger liegt, wird man aber keine Grundstücke bekommen, denn auf dieser Höhe sind alle Seegrundstücke längst in der Hand von Privatpersonen. Die Straße trennt das eine vom anderen Haiti. Bei beiden angebotenen Grundstücken hätten wir eine Anwohnerschaft, die genau die richtige wäre für ein Hilfsprojekt, die in uns eine Zukunft sieht und die wir wieder einmal enttäuscht und mit Vertröstungen zurück lassen müssen.
Zwischendurch sehen wir (wie so oft in diesem Land) zwei Mädchen, die Wassereimer auf dem Kopf tragen. Es sind deutlich größere als unsere 10-Liter-Eimer, etwa so groß wie 15-Kilo-Farbeimer. Ich traue mich und möchte einem Mädchen den Eimer vom Kopf nehmen, um zu schauen, wie viel sie wohl hineingeschüttet haben. Ein Versuch reicht – ich lasse es lieber, die Eimer sind randvoll! Es ist für mich unvorstellbar, wie man sich in dem Alter eine derart große Last auf den Kopf stellen kann, dabei auch noch fröhlich plaudernd kilometerlang laufen kann. Was sagen die Bandscheiben dazu?
Mittwoch – unser letzter Tag!
Lelaine Laplanche, die aufgeweckte Dame mit den roten Haaren, bestand noch auf unserem Besuch – zudem wollten wir unsere Schule noch unbedingt sehen! Also fahren wir am Mittwochmorgen in die Seeds-Schule, die Kinder dort kriegen erst jetzt die Zeugnisse, damit sie auch garantiert noch einmal in den Ferien kommen, wenn wir sie besuchen können. Eigentlich eine Zumutung – aber es sollte sich auch für sie lohnen…
Bereits am Sonntag hatten wir diese Schule während eines Gottesdienstes kennengelernt, waren da schon erstaunt und freudig überrascht, wie angenehm luftig und schattig dieses Gebäude ist. Von den Bilder her hatten wir eher mit einen Holzverschlag gerechnet, staubig, drückend, in einem erbarmungswürdigen Zustand – halt so, wie man ein paar zusammengenagelte Sperrholzplatten interpretiert. Direkt nach dem Erdbeben war die Schule entstanden, als keine solide Bauweise mehr erlaubt war – zumindest das, was man bis dahin unter solide verstand. Erst sollten neue Baugesetze her, die die Statik regeln sollten, solange bestand ein Baustopp für Stein-auf-Stein oder Betonbauten. (Ob es diese Baugesetze mittlerweile gibt, ist fraglich, die massive Bauweise gibt es jedenfalls wieder, mit all den Fehlern und Nachlässigkeiten, die aus so vielen Häusern Todesfallen gemacht hatten.)
Doch die Schule ist in einer Art Holzskelettbauweise errichtet worden, fachlich sehr ordentlich ausgeführt, nur die Gebäudeecken und natürlich die Böden wurden aus Beton gegossen. So macht das Gebäude einen soliden Eindruck und vermittelt nebenbei eine Leichtigkeit, die anderen Häusern, die wir betreten haben, einfach fehlt. Zudem sehen die Holzwände viel angenehmer aus als rohe Steine. Alle Klassenräume sind hell und werden durch die oben offenen Seiten gut belüftet. Da das Holz einen höheren Dämmwert als der übliche Betonstein hat, strahlen sie nicht so viel Wärme ab und auch die Akustik ist angenehmer – obwohl die Klassenräume selbst nicht voneinander getrennt sind.
Die Schüler empfangen uns mit eigens einstudierten Liedern, sogar ein Flötenstück ist darunter, was Barbara besonders freut. Es klingt auch wirklich gut – offensichtlich hat den Schülerinnen und Schülern jemand gehörig die Flötentöne beigebracht… (Keine Angst, weitere Kalauer erspare ich mir, auch wenn’s schwer fällt!).
Besonders auffällig ist, dass der Lehrer nur am Rande steht und die Schüler selbst machen lässt. So was haben wir bislang in keiner Schule gesehen! Ein Schüler, von der Gruppe selbst „Maestro“ genannt, steht vorne und dirigiert, gibt sogar die Einsätze für das Verbeugen, und geht ganz in seiner Aufgabe auf. Die Schülerinnen und Schüler sprechen ein sehr gutes Französisch – eine der wesentlichen Voraussetzungen, wenn sie irgendwann einmal aus ihrem Schicksal heraus wollen.
Dieser pädagogisch auffällige Stil ist in allen Klassen zu beobachten, wir spüren einen angenehmen Drang zur Selbständigkeit. Danach bekommen sie alle ihre Zeugnisse, und was ich persönlich nicht so gut finde: Die vier besten Schüler einer Klasse werden besonders herausgestellt und beklatscht. Ich gehe ganz stark davon aus, dass alle das Jahr über ihr Bestes gegeben haben. So unterschiedliche Altersstufen in einer Klasse (ein 18jähriger in der Dritten!), so verschiedene Schicksale (ein Waise seit dem Erdbeben, von dem ich gleich noch kurz erzählen werde), das kann man in einem Vergleich nicht gerecht fassen.
In allen Klassen werden dann von uns noch viele kleine Spielzeuge verschenkt, vieles davon war noch von der Containeraktion übrig und bringt – über ein Jahr verteilt – natürlich so viel mehr Freude. Und natürlich gibt es wieder Süßes!
Am Rande: Es ist wundervoll zu beobachten, wenn selbst älteren Menschen ein Leuchten über das Gesicht huscht, wenn man ihnen Bonbons gibt. Das haben wir oft genug in den Gegenden auf dem Land erlebt. Irgendwie kommt man sich ja ziemlich blöde vor, wenn man wie die Rheinländer an Karneval „Kamelle“ unters Volk bringt (jedenfalls als Nordmensch), aber die Reaktion ist jedes Mal wirklich einzigartig!
Die Lehrer bekommen von uns Solarlampen („Ti Soleil“ natürlich!), hier ist die Freude und das Erstaunen wirklich echt und ehrlich: Wenn man zu Grunde legt, dass ein Lehrer umgerechnet keine 40 EURO im Monat verdient, und das auch nur 10 Monate im Jahr, dann fängt man an zu begreifen, wie wichtig diese Dinge in ihrem Leben sind. Mittlerweile kann man Sets als Solarlampen auch an Tankstellen im Lande kaufen. Bei weitem nicht so leistungsstark wie unsere, vor allem nicht so haltbar, aber auch die kosten schon umgerechnet 39 EURO, sind also schlicht nicht erschwinglich. So bleiben sie Spielzeug für die Wohlhabenden, auch uns „blancs“ werden sie angeboten.
Alle Kinder sind weg und nur noch der Direktor ist bei uns, mit einer Ausnahme: Christophe, der Waisenjungen aus einem Zeltdorf, lebt dort mit seinen heute 15 Jahren seit dem Erdbeben alleine. Er kann wirklich sauber und abwechslungsreich zeichnen. Ihm hat der Verein vor einiger Zeit eine Menge Klappkarten und Stifte gegeben, damit er für uns Karten zeichnen kann, die wir vielleicht für ihn verkaufen können. Den großen Stapel hat er uns gegeben und gleich seinen Lohn dafür bekommen. Er wird davon lange leben müssen, aber er kann ja mittlerweile gut mit Geld umgehen. Die Karten werden wir im Verein und vor allem bei unserer Jubiläumsfeier anbieten! Wir nehmen ihn mit dem Auto bis vor seine Zeltsiedlung mit, er ist ein stiller, angenehmer und zurückhaltender Junge. In seinem Alter, glaube ich, hat er mehr erfahren und mehr gelernt, als wir jemals von uns behaupten können. Was für Schicksale. Wie soll man dem begegnen? Respekt sicherlich, vor allem bleibt Bewunderung. Ein Kind ohne echte Kindheit und trotzdem so verantwortlich und verlässlich.
Nach unserem Besuch in der Schule fahren wir mit dem Direktor etwas weiter in die Berge südlich(irgendwo rechts von der Straße nach Kenskoff an die Stelle, wo man so toll auf PaP hinunterschauen kann), um uns ein Grundstück anzuschauen, welches er uns für unser Projekt vorgeschlagen hat. Es ist zu weiten Teilen im Besitz des Ortes, aber auch einige der Anwohner bieten uns sofort benachbarte Grundstücke an, als sie hören, um was es bei uns geht. Jedes Mal das gleiche Spiel: Skepsis schlägt uns entgegen, wenn wir als Interessenten ankommen, kaum spricht man aber von unseren Vorstellungen (Vorschule, Schule, Ambulanz oder sogar Hospital, landwirtschaftliche Ausbildung, dann in der Schule Tanz, Musik, Spielen, Handarbeiten – alles das, was die öffentlichen Schulen nicht bieten), dann sind die Anwohner nicht mehr zu bremsen und möchten, dass wir möglichst umgehend mit dem Bau beginnen.
Das Grundstück ist absolut toll gelegen: Ein steiler Hang, Blick unverbaubar direkt auf PaP hinunter, das Meer, die Ile de la Gonave ist heute sogar zu sehen. Wenn man was für sich bräuchte, so um die Seele baumeln zu lassen: traumhaft! Aber bitte: Dazu sind wir nicht gekommen, und für Landwirtschaft eignet sich das Grundstück (und die anderen daneben) überhaupt nicht. Zudem ist es auch reichlich klein, insgesamt hätten uns vielleicht 1500 m² zur Verfügung gestanden. Die Menschen dort bräuchten uns schon: Ähnlich wie bei der Seeds-Schule läge das Projekt zwar in einer bevorzugten, sogar ziemlich teuren Gegend, aber mittlerweile sind so viele Bedürftige dorthin gezogen, Menschen, die vor den Villen der reichen Haitianer campieren, arme Bauern, die kaum noch Land ihr eigen nennen, weil darauf gebaut wurde, dass für das richtige „Publikum“ gesorgt wäre! Wieder schlechtes Gewissen, wieder im Auto untereinander beruhigen, dass man doch vor keine Wahl gestellt sei. Es ist bedrückend: So vieles könnte man tun, so vieles müsste man tun – aber wir haben uns nun einmal gegen das „Gießkannenprinzip“ entschieden. Und so enden wie die Toiletten, die wir regelmäßig unbenutzbar im Land stehen sehen, sollen unsere Projekte schließlich nicht.
Also wieder weiter, hinunter nach Port-au-Prince und den Nachmittag an uns gedacht. Ich könnte jetzt erzählen, dass wir uns Rum gekauft haben, Gebäck, CDs und noch so einige Sachen, aber dann wüssten unsere Töchter ja, was wir ihnen mitgebracht haben (den Rum natürlich nicht!). Na ja, und dann kaufen wir doch wieder für die Projekte ein: Schulbücher und Handarbeitsmaterial wie Nadeln, Stoffe und irgendein Garn, worüber sich zwei ausgewachsene Frauen stundenlang unterhalten können, streiten, wieder versöhnen, in Frage stellen, abwägen, begründen, manchmal sogar entscheiden, aber dann alles wieder von vorne! Als ich nach gefühlt mehreren Stunden in einem nichtklimatisierten Nähgeschäft ironisch frage, ob sie denn jetzt wirklich die richtigen Nadeln ausgesucht hätten und nicht vielleicht doch noch mal schauen wollten, erfahre ich, dass es ja doch bloß die eine Art gegeben habe – der männliche Leser weiß, wovon ich spreche und wie es einem in so einem Moment geht! In einer großen Bäckerei mit Café und Schnellimbiss treffen wir schließlich noch Guerline – tja, Port-au-Prince ist halt doch ein Dorf!?
Nachdem wir so viel Unerfreuliches bei unserer Anreise erfahren haben, gehen wir stark davon aus, dass wenigstens die Heimreise klappen wird. Nichts da: Wir sind schon ein bisschen früher da und erfahren auch noch, dass für den Flugplan eine andere Zeit gilt, als die, in der die Stadt lebt! Also noch eine Stunde mehr! Wie schön, dann können wir uns ja Zeit lassen: Tout va bien! Nur, dass bei dem vielen Umbuchen auf dem Herflug der Airfrance-Computer vermutlich keine Lust mehr hatte und uns ganz rausgeschmissen hat, damit haben wir nicht gerechnet. Sehr zur Freude der nach uns in der Reihe stehenden Kunden braucht der Angestellte am Airfrance-Schalter gute 90 Minuten, um uns Boardingcards auszustellen, sprich: Für uns überhaupt den Flug zu buchen – mit allen Verbindungen, die wir so vor uns haben. Und so wurde es doch wieder reichlich aufregend und ziemlich knapp! Nicht nur für uns, auch für die nach uns kommenden Kunden. Aber dafür hat das Flugzeug nach Paris in Point-à-Pitre fast 2 Stunden Verspätung, wodurch die Verbindung Paris-Hannover, durch den Flughafenwechsel in Paris ohnehin knapp, in Frage gestellt wird. Aber das ist uns auch egal jetzt. Wenn’s hart auf hart kommt, laufen wir halt…
Aber es klappt dann immerhin doch. Knapp und nervtötend.
Noch sind wir nicht richtig zu Hause angekommen, wir können den Aufenthalt längst nicht richtig einschätzen. Die Fotos müssen erst noch einmal durchgearbeitet werden, was bei knapp 3000 Stück nicht so schnell gehen wird (Kein Scherz, davon sind aber 600 Stück nur Fotos von Patenkindern). Irgendwann werden wir die Reise aufgearbeitet haben, dann werden wir vielleicht auch etwas abgeklärter erzählen können. Bis dahin bedanke ich mich bei den Leserinnen und Lesern und warte selbst auf Roswithas Berichte!
Andreas

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