Sonntag, 20. Juni 2010

Spendengottesdienst für Haiti


Not schweißt bekanntlich zusammen, und so fanden in Offenbach Menschen unterschiedlichster Glaubensgemeinschaften und Nationen in der Schloßkirche zueinander. Alle mit einem Ziel: möglichst viele Spenden für den Wiederaufbau einer Schule in Haiti zu sammeln. „Sie werden heute einen bunten Nachmittag erleben“, sagte Pfarrerin Patrizia Pascalis zu Beginn des Gottesdienstes. „Es wird hier heute englisch, französisch, deutsch, aber auch türkisch und arabisch gesprochen." Mit einem Gebet und einer Sure aus dem Koran eröffneten sie und Imam Fuat Gökcebay die Andacht. Neben der evangelischen Schloßkirchengemeinde waren die katholische Marienkirche, die Yavuz Selim Moschee Offenbach, die Presbyterian Church of Ghana Frankfurt, und die Französisch-Reformierte Gemeinde Frankfurt beteiligt. Die Schirmherrschaft für die Veranstaltung hatte Lena Arnold, die Frau des haitianischen Honorarkunsuls übernommen.

Organisiert wurde der interreligiöse und interkulturelle Gottesdienst von Graf e.V. Der Name steht für „Group Africa Development“, so deren Sekretär Dominique Somane. Das Ziel des Vereins sei es, die Afrikaner im Rhein-Main-Gebiet zu organisieren und sich hier in die Gesellschaft einzubringen. Auch bei anderen Aktivitäten der Diakoniekirche im Offenbacher Osten sei der Verein beteiligt. „Haiti hat für uns eine große Bedeutung, es war das erste unabhängige von Schwarzen regierte Land der Welt“, sagt Somane, der selbst aus Kamerun stammt. „Wir wollen mit dieser Aktion Solidarität mit Haiti zeigen und uns gleichzeitig hier in Deutschland engagieren und in die Gesellschaft einbringen“, fährt Somane fort. Besonders gefreut haben sich über dieses Engagement die zwölfährige Stephania Huber und ihr 20-jähriger Bruder Mackenson Placide. Vor drei Jahren war Stephania von der Frankfurter Fotografin Danielle Huber adoptiert worden. Auch weiterhin hielt die Fotografin Kontakt zu Stephanias Familie. Als jetzt die Nachricht vom Erdbeben kam, hätte die Ungewissheit, was mit ihrer Familie ist, die Zwölfährige fast verrückt gemacht, berichtet Mutter Danielle. Um überhaupt etwas zu tun, hätte die Schülerin in ihrer Schule Spenden gesammelt und immerhin gut 7.800 Euro zusammenbekommen. Da Stephania auch im Chor der Französisch-Reformierten Gemeinde Frankfurt singt, sei über Pfarrer Fidele Mushidi der Kontakt zu Graf e.V. entstanden.

Nach 15 Tagen bekam sie die Nachricht, dass ihre Herkunftsfamilie das Beben überlebt hat. Er sei mit einem Auto unterwegs gewesen und habe zuerst gedacht, da stimme etwas mit dem Wagen nicht, berichtete Mackenson. Auch seine Eltern seien nicht im Haus gewesen, allerdings sei das Haus zerstört. Für drei Monate bekam der junge Mann ein Besuchsvisum für Deutschland und sah seine Schwester das erste Mal seit drei Jahren wieder. Wie es nach seiner Rückkehr weitergehen soll, weiß er noch nicht. Er möchte sich an einer Schule anmelden und sein Abitur machen. Aber ob das klappt, ist nicht sicher, denn es sei noch gar nicht klar, ob genügend Lehrer überlebt hätten. "Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen", mit dieser Stelle aus den Seligpreisungen bat Pfarrer Hans Blamm von der Marienkirche die Anwesenden um Spenden. Auch Imam Fuat Gökcebay fand eine Sure, mit der er um Spenden bat.

Der Arzt Dr. Michael Roumer, der selbst aus Haiti kommt und in Frankfurt seine Praxis hat, war mehrere Wochen im Katastrophengebiet im Einsatz und arbeitete in einem Krankenhaus in Port-au-Prince. Detailiert berichtete er von seinen Eindrücken. Besonders von dem Chaos zu Beginn des Hilfseinsatzes. So konnte zwar Wasser aufbereitet werden, aber es gelangte nicht zu den Menschen, ebenso wenig wie andere Hilfsgüter. Dabei kritisierte er auch die Berichterstattung der Medien. „Es wurde immer berichtet, was andere für uns tun und es könnte der Eindruck entstehen, die Haitianer hätten nichts getan. Das stimmt nicht. Ich habe selbst Kinder gesehen, die drei Tage lang versucht haben, einen Verschütteten aus den Trümmern zu befreien“, so der Arzt. „Wir Haitianer haben viel Hilfe bekommen, aber wir müssen uns auch selber helfen und das Beste aus der Situation machen“, schloss er seinen Vortrag.

Ebenso interreligiös wie er begonnen hatte, ging der Spendengottesdienst schließlich zuende. Imam Gökcebay sprach ein Gebet und Pfarrer Fidele Mushidi, von der Französisch-Reformierten Gemeinde Frankfurt sprach den Segen. 665 Euro landeten am Ende in der Spendenbox für den Aufbau einer Schule in Haiti.

Honorarfreier Abdruck mit freundlicher Genehmigung von
Peter Klein
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